Christine Helene Rost wurde am 17. Oktober 1891 in Cossengrün geboren. Ihr Vater Gottlieb Friedrich Rost war Landwirt und verstarb 1917. Ihre Mutter Christiane Friederike Rost arbeitete in der Landwirtschaft ihres Mannes mit. Sie verstarb 1918.
Helene Rost hatte, soweit bekannt, drei Schwestern.
Um ihr 20 Lebensjahr herum reifte in ihr der Entschluss, Diakonisse zu werden und die Krankenpflege zu erlernen. Sie schrieb an die Diakonissenanstalt Dresden und bat um Aufnahme. Am 1. Mai 1911 trat sie in die Zwickauer Filiale des Dresdner Mutterhauses ein. Sie lernte mit guten Noten im dortigen Krankenhaus auf der chirurgischen und medizinischen Station. In Zwickau blieb sie bis Oktober 1913.
Danach kam sie zum Lernkursus ins Mutterhaus nach Dresden. Am 10. Februar 1914 erfolgte ihre Einkleidung zur Beischwester*.
Ihr Weg führte sie anschließend nach Falkenstein, wo sie von Februar 1914 bis Oktober 1915 in der Gemeindearbeit tätig war. Anschließend wechselte sie in die Gemeindearbeit nach Schedwitz und war dann von März 1917 bis Juni 1917 im Reservelazarett in Zeithain im Dienst.
Der Tag ihrer Einsegnung war der 6. Juni 1917. Als Einsegnungsspruch erhielt sie den Bibelvers: „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ aus Epheser 5,9.
Anschließend bat sie um Beurlaubung und pflegte von Juni 1917 bis zu deren Tod im April 1918 ihre kranke Mutter.
Nach ihrer Rückkehr in die Diakonissenanstalt, war sie zwei Jahre von 1918 bis 1920 in Chemnitz eingesetzt. Anschließend wechselte sie nach Gera-Ernsee und arbeitete bis September 1922 im dortigen Krankenhaus.
Im Herbst 1922 musste sie sich einer Struma-Operation – einer Schilddrüsenoperation – unterziehen. Daraus resultierte eine leichte Herzschwäche. Es folgte ein längerer Erholungsurlaub sowie ein Kuraufenthalt.
In den folgenden Jahren war sie kurzzeitig auf verschiedenen Stationen tätig, darunter 1925 im Magdalenenasyl Radebeul und von September 1925 bis Dezember 1927 in den Heilstätten Gottleuba. Ihre körperlichen Kräfte ließen nach. Zur Erholung kam sie im September 1928 für drei Monate in das Schwesternerholungshaus Haus Bethanien. Sie arbeitete für kurze Zeit in der Nähstube der Diakonissenanstalt, bevor ihr auch leichte Arbeiten zu anstrengend wurden.
Zu ihrer körperlichen Schwäche kommt ab 1930 eine psychische Erkrankung. Ihr geistiger Gesundheitszustand verschlechtert sich bis Anfang 1931 so sehr, dass die Leitung der Diakonissenanstalt Dresden beschloss, Schwester Helene Rost in der Landesanstalt Sonnenstein in Pirna unterzubringen. Hier wurde sie am 15. Juni 1931 aufgenommen. Am 15. Januar 1932 verlegte man sie in die an die Landesanstalt angeschlossene Staatlichen Nervenheilstätte „Maria-Anna-Heim“. Alsbald wurde sie aber wieder direkt in der Landesanstalt Sonnenstein untergebracht. Hier verblieb sie von Ende Mai 1932 bis Anfang Dezember 1939.
Im November 1932 wurde Schwester Helene entmündigt, als ihr Vormund fungierte Diakonisse Theodora Lorenz aus dem Dresdner Mutterhaus. Aus den Krankenakten ist ersichtlich, dass Schwester Theodora Schwester Helene regelmäßig in der Landesanstalt Sonnenstein besuchte. Auch ihre leiblichen Schwestern erkundigten sich bei den Verantwortlichen der Landesanstalt nach dem Befinden von Schwester Helene. Im August 1938 fragte die damalige Oberin der Diakonissenanstalt Dresden, Sophie von Mannsbach, an, ob Schwester Helene beurlaubt werden könne, um auf eigenen Wunsch vorübergehend ins Mutterhaus zurück zu kehren. Dieser Anfrage wurde von der Direktion der Landesanstalt Sonnenstein nicht stattgegeben.
Im Dezember 1939 erfolgte die Verlegung von Schwester Helene Rost in die Landesanstalt nach Leipzig-Dösen. Schwester Helene blieb von Dezember 1939 bis zum 9. Juli 1941 in Leipzig-Dösen. Im Juni 1941 fragte Schwester Helenes leibliche Schwester in der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen an, ob sie nicht ihre Schwester Helene Rost - wenn auch nur für kurze Zeit - zu sich nehmen kann. Das Urlaubsersuchen wurde nicht genehmigt, vermutlich auch deshalb, weil sonst der schlechte (körperliche) Gesundheitszustand von Schwester Helene sichtbar gewesen wäre. Dann erfolgte ihre Verlegung in die Landesheil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch, wo sie ab 10. Juli 1941 bis zu ihrem Tod verblieb. Für den 24. September 1941 ist in der Krankenakte ein Besuch der Schwester von Helene Rost in Untergöltzsch verzeichnet.
Schwester Helene Rost verstarb am 23. Dezember 1941, um 2.45 Uhr - so die Nachricht an Oberin Luise Denneberg, Diakonissenanstalt Dresden.
Schwester Helene Rost wurde 50 Jahre alt.
In Schwester Helenes Krankenakte steht: „Exitus letalis an Marasmus“.
Marasmus ist eine schwere Erkrankung infolge einer chronischen Mangelernährung mit einer dauerhaft zu geringen Kalorienzufuhr, sodass bei den Betroffenen ein schwerer Protein- und Energiemangel besteht. Schwester Helene Rost ist, wie auch Schwester Helene Grünert, ein Opfer der bewusst eingesetzten kalorien- und fettreduzierten „Sonderkost“ für psychisch Kranke, die letztlich zum Tod durch Verhungern führt.
Ihrer Gewichtskurve ist zu entnehmen, dass Schwester Helene Rost im Mai 1939 65 kg wog. Im November 1939 waren es 62 kg. Für das Jahr 1940 fehlen die Einträge. Den letzten Eintrag zu ihrem Gewicht gab es im August 1941, da wog sie noch 40 kg.
Laut Krankenakte behandelten die Ärzte sie im Dezember 1941 zudem mit einer Azomantherapie. Ein Medikament, welches starke Krampfanfälle auslöst. Bei Schwester Helene entwickelte sich daraufhin ein status epilepticus, der wiederum mit Luminal – ein Antiepileptika - behandelt wurde. Die Anwendung eines derart aggressiven therapeutischen Verfahrens bei der ohnehin körperlich geschwächten Schwester Helene, in Zusammenspiel mit der starken Unterernährung, führte letztlich zu ihrem Tod.
In den Unterlagen der Diakonissenanstalt Dresden ist nicht dokumentiert, wo Schwester Helene Rost beigesetzt wurde.
Neben den leiblichen Schwestern von Schwester Helene Rost, sorgte sich auch ihr Vormund – Diakonisse Schwester Theodora Lorenz – um sie. Dennoch geriet das Schicksal von Schwester Helene im Diako in Vergessenheit. Vermutlich auch, weil Schwester Theodora nach der Zerstörung des Mutterhauses 1945 in ihre Heimat nach Schlettau zurückkehrte und dort fast bis zu ihrem Tod 1956 blieb.
* Beischwester: Die Beischwesternzeit war ein wichtiger Abschnitt auf dem Weg zur Einsegnung als Diakonisse. Nach der Probeprobezeit sowie einem diakonischen Kurs (großer Lernkursus) im Mutterhaus wurden die Diakonissenanwärterinnen zur Beischwester eingekleidet. Für ihre weitere Ausbildung bekamen sie eine erfahrene Diakonisse als Patin an die Seite gestellt. Um den neuen Lebensabschnitt sichtbar zu machen, erhielten sie neue Kleidung – die Beischwesterntracht.
Quellen:
· Archiv der Ev.-Luth. Diakonissenanstalt Dresden e.V.: Diakonissenjournal
· Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz (StAC) 32810 Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, Rodewisch (Landeskrankenhaus), Signatur: 2784, Krankenakte Helene Rost
· Anmerkung: Zu Schwester Helene Rost gibt es kein sogenanntes „Ehrengedächtnis für Diakonissen“. Das letzte Ehrengedächtnis erschien 1940, danach war es kirchlichen Einrichtungen untersagt, eigene Druckerzeugnisse herausgegeben. Begründet wurde dies mit der Kriegswirtschaft, diente aber auch der Zensur.)
Biografie erstellt von Beate Mutzek/Bettina Westfeld